Pflegeethik

Utilitarismus

Der englische Philosoph und Jurist Jeremy Bentham (1748 – 1832) entwickelte in seiner Schrift An Introduction to the Principles of Morals and Legislation (1780/1789) als erster die Theorie des Utilitarismus (Nützlichkeitsethik). Bentham glaubte, dass das menschliche Streben nach Glück (Leid und Freude) die einzige Grundlage menschlicher Sittlichkeit bildet. Deshalb sollten die Menschen versuchen, das Glück zu maximieren: Das größte Glück der größten Zahl (greatest-happiness-principle) ist das Leitprinzip von Benthams utilitaristischer Ethik. Eine Handlung ist allein nach ihren sozialen Folgen zu bewerten: sie ist moralisch legitim, wenn sie der Allgemeinheit (bzw. der größten Zahl) nützt; sie erweist sich als moralisch falsch, wenn sie der Allgemeinheit schadet.

Der englische Ökonom und Philosoph John Stuart Mill (1806 – 1873) modifizierte in seinem Werk Utilitarianism (1861) den Utilitarismus von Bentham, indem er die freie Entfaltung der Persönlichkeit für das wahre, nicht exakt aufrechenbare Glück des Menschen erklärte. Der Staat habe dafür zu sorgen, dass allen die gleiche allgemeine Bildung zukomme. Insofern korrigiert Mill Benthams Ansatz, als er herausstellt, es geht nicht um die Quantität (Menge an Glück für viele), sondern um die Qualität des Glücks für alle: „Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein, als ein zufriedenes Schwein, besser ein unzufriedener Sokrates, als ein zufriedener Narr.“ Menschen können nicht nur Freuden der bloßen Sinnlichkeit erleben, sondern auch Freuden des Verstandes, der Empfindung, der Vorstellungskraft und des sittlichen Gefühls.

Der englische Philosoph Henry Sidgwick (1838 – 1900) unternimmt in seinem Hauptwerk The Methods of Ethics (1874) den Gegensatz zwischen Altruismus und Egoismus zu überwinden: Er akzeptiert, dass jeder Mensch seine eigene Glückseligkeit sucht und macht zugleich das ethische Axiom geltend, dass jeder die allgemeine Glückseligkeit fördern sollte.

Insgesamt lässt sich die utilitaristische Grundposition als eine Kombination von vier Prinzipien charakterisieren, die in der folgenden Tabelle aufgeführt sind:

  • Während das deontologische Prinzip (Pflichtprinzip) Handlungen allein auf Grund der Absicht moralisch beurteilt (I. Kant), legitimiert das teleologische Prinzip Handlungen allein von ihren Ergebnissen, Zielen, Folgen, Konsequenzen als moralisch.
  • Der Maßstab zur Beurteilung der Folgen ist ihr Nutzen (utilitas) hinsichtlich des an sich Guten.
  • Die moralische Beurteilung erfolgt in einer Nutzenkalkulation (Bentham).
  • Das an sich Gute besteht in der Erfüllung der menschlichen Bedürfnisse und Interessen, dem Wohl als dem hedonistisch verstandenen Glück: „(…) Glück ist der einzige Zweck menschlichen Handelns und die Beförderung des Glücks der Maßstab, an dem alles menschliche Handeln gemessen werden muss – woraus notwendig folgt, dass es das Kriterium der Moral sein muss. Glück ist der Endzweck des menschlichen Handelns und daher auch die Norm der Moral.“ (J. St. Mill)
  • Das subjektive Erleben von Glück ist sittlicher Maßstab.
  • Der Utilitarismus lehnt den egoistischen Hedonismus ab: Im moralischen Kalkül geht es um das „größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl“ (Bentham).
  • Das Sozialprinzip fordert die Maximierung des Allgemeinwohls als Quantität bzw. die Steigerung des Glücks im qualitativen Sinne für alle (Mill).

Kritische Anmerkungen zur utilitaristischen Ethik

  • Bei der Folgenüberlegung geht es um die Kalkulation der geeignetsten Mittel und Wege zur Herstellung größtmöglichen Nutzens. Folgenüberlegungen haben prinzipiell eine Wenn-Dann-Struktur: Wenn du A willst, dann tue X. Deshalb sind im Utilitarismus alle Imperative hypothetisch, die nie unbedingt (kategorisch) verpflichten, sondern immer nur unter der Bedingung größtmöglichen Nutzens. Die Wahrheit zu sagen, Versprechen zu halten, die Würde des Menschen zu achten – diese und andere Normen haben keine absolute Geltung, sondern verpflichten nur in dem Maße, wie sie zum größtmöglichen Wohl beitragen.
  • Alle Normen sind nur Mittel zum Zweck und haben keinen Eigenwert, sondern nur einen Wert hinsichtlich ihrer Nützlichkeit, d. i. ein instrumenteller Wert. Es ist aber nicht erlaubt, etwas Schlechtes zur Erlangung eines Guten zu tun: „non esse facienda mala, ut eveniant bona“ (Leibniz, Theodicee).
  • Der Utilitarismus fordert, dass wir zur moralischen Beurteilung die Vor- und Nachteile möglicher Handlungsalternativen überlegen und gegeneinander abwägen. Wir tappen aber, was die Gesamtheit der Folgen und Nebenfolgen betrifft, immer im Dunkeln. Die Folgen in ihrer Komplexität und Totalität entziehen sich der Verfügbarkeit der berechnenden Vernunft.
  • Es gibt eine Vielfalt subjektiver Glücksvorstellungen. Es ist also die je eigene Auffassung von Glück, die uns leitet, so dass der utilitaristische Ansatz letztlich rein subjektivistisch ist. Wer sollte sich anmaßen dürfen, das Glück der Gesellschaft (Sozialprinzip) inhaltlich zu bestimmen? 
  • Unklar ist auch, was genau das Sozialprinzip meint: geht es um das Glück der Vielen (das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl der Menschen) oder um das Glück aller? Und schließlich: wiegt das Glück eines gebildeten Menschen mehr als das Glück eines ungebildeten Menschen? Und wie ist das Glück von Schweinen zu bestimmen? Es stellen sich mehr Fragen als wir Antworten haben.
  • Der Utilitarismus leidet unter einem erheblichen Gerechtigkeitsdefizit: Alles was zum größtmöglichen Allgemeinwohl beiträgt wäre nicht nur erlaubt, sondern moralisch geboten (Sklaverei, Diktatur, Rassismus, Verletzung der Menschenrechte etc.). Das Wohl einer Minderheit wird dem Wohle einer Mehrheit geopfert. Kann aber ein Gut, das Schaden für andere in Kauf nimmt, überhaupt ein Gut sein?

    Schauen wir uns das Trolley-Problem an: Eine Straßenbahn ist außer Kontrolle geraten und droht, fünf Personen zu überrollen. Durch Umstellen einer Weiche kann die Straßenbahn auf ein anderes Gleis umgeleitet werden. Unglücklicherweise befindet sich dort eine weitere Person. Darf (durch Umlegen der Weiche) der Tod einer Person in Kauf genommen werden, um das Leben von fünf Personen zu retten? (Philippa Foot)

    Der Vertreter einer utilitaristischen Position würde durch Umstellen der Weiche die fünf Leben auf Kosten des einen retten, da in der Summe weniger schlechte Konsequenzen auftreten. Niemand würde bezweifeln wollen, dass es in pragmatischer Absicht tatsächlich klug wäre, sich in dieser Situation für das kleinere Übel zu entscheiden. Dabei geht es aber gar nicht um eine moralische Entscheidung, sondern um die Abwägung zweier Übel, Cholera und Pest, eine typische Dilemma-Situation; man entscheidet sich dann für das geringere Übel. Dann aber wären wir wieder bei dem schon oben aufgeworfenen Problem angekommen, dass der Utilitarismus zur Erlangung des größtmöglichen Glücks, also als Mittel zum Zweck, es für moralisch geboten hält, eine Minderheit zu opfern.

    Und wie soll ich mich entscheiden, wenn die eine zu opfernde Person in dem Trolley-Beispiel meine Tochter wäre? Kann ein kluge Entscheidung, kann Klugheit überhaupt eine moralische Bedeutung haben? Diese Frage hatte bereits I. Kant aufgeworfen und dahingehend beantwortet, dass er die Klugheit, die ein Mittel zur Erlangung der Glückseligkeit sei, wie das Streben nach Glückseligkeit selbst aus der Moralphilosophie ausgeschlossen hat. Was aber nicht heißt, dass das Streben nach Glück nicht auch unmoralisch bzw. moralisch verwerflich sein kann.

    Fairerweise muss man hinzufügen, dass sich ein Dilemma grundsätzlich mit keiner Moral, die uns bekannt ist, lösen lässt, auch nicht und schon gar nicht mit der Pflichtethik nach Kant. Allein Kants Selbstzweckformel verbietet es, Menschen als Mittel zum Zweck zu benutzen, weil Ihnen ein absoluter Wert, eine Würde, ein Zweck an sich zukommt. Es gibt also Situationen und Entscheidungen, die sich offenbar der Moral entziehen, sogenannte entmoralisierte Situationen, und dazu gehören alle Dilemmata. Grundsätzlich kann es keine moralische Legitimation dafür geben, dass ein Mensch für das Leben von fünf anderen Menschen geopfert wird. Die Würde des Menschen ist von absoluter, und nicht von relativer Geltung. Und wie ließe sich moralisch legitimieren, dass das Glück des Einen weniger wiegt als das Glück der Anderen? Und doch ist die Wahl des kleineren Übels in einer Dilemma-Situation eine von Klugheit getragene pragmatische Entscheidung.
  • Eine moralische Freiheit (Moralität), wie sie Kant postuliert hat, gibt es im Utilitarismus nicht. Freiheit besteht nur noch in der richtigen Wahl der Mittel und Wege zum größtmöglichen Glück (instrumentelle Freiheit). Moralität wird so zum Geschäft der Technokraten und (selbst ernannten) Experten. Moralität wird durch Klugheit ersetzt. Diese Aussage ist nicht wertend, sondern deskriptiv zu verstehen.

Aufgrund der vielen Probleme des positiven Utilitarismus, der mit dem Ziel der Maximierung des Glücks angetreten war, wurden späterhin als weitere Varianten der negative Utilitarismus und der Präferenz-Utilitarismus konzipiert, die allerdings die oben angesprochenen Grundprobleme der Nützlichkeitsethik in keiner Weise haben lösen können.

Völlig zu Recht warnte der kritische Rationalist Sir Raimund Karl Popper in seiner überaus empfehlenswerten Schrift: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, vor dem Versuch, andere Menschen aufgrund subjektiver Glücksvorstellungen glücklich machen zu wollen:

„Aber von allen politischen Idealen ist der Wunsch, die Menschen glücklich zu machen, vielleicht der gefährlichste. (…) der Versuch, den Himmel auf Erden einzurichten, produziert stets die Hölle. Dieser Versuch führt zu religiösen Kriegen und zur Rettung der Seelen durch die Inquisition. Und beruht meiner Ansicht nach auf einem völligen Missverständnis unserer sittlichen Pflichten. (…) Es ist unsere Pflicht, denen zu helfen, die unsere Hilfe brauchen; aber es kann nicht unsere Pflicht sein, andere glücklich zu machen, denn dies hängt nicht von uns ab und bedeutet außerdem nur zu oft einen Einbruch in die private Sphäre jener Menschen, gegen die wir so freundliche Absichten hegen.“

So entwickelte Karl Popper aus dem positiven einen negativen Utilitarismus. Hier gilt nicht mehr das größte Glück der größten Zahl als das Ziel, sondern das kleinste Leid: Minimierung des Leids statt Maximierung des Glücks. Die Leidminimierung hält er für die realistischere Sozialpragmatik: Vermindere das Leiden, so sehr du nur kannst!

Damit stellt sich zwar nicht mehr die Frage nach der Bestimmung von Glück. Es bleibt aber die neue Frage, wer soll nun bestimmen, was Leid ausmacht. Mit dem negativen Utilitarismus ist tatsächlich nichts gewonnen; es handelt sich hierbei lediglich um alten Wein in neuen Schläuchen. Soll Poppers subjektives Leidempfinden, wie es in seinem folgenden Zitat zum Ausdruck kommt, zum künftigen Maßstab von aktiver Leidminderung gelten?

„Es ist ein Verbrechen, solchen Kindern [Popper meint Kinder, die mit Aids infiziert sind oder in Hungerländern ohne Lebenschance zur Welt kommen] nicht dadurch zu helfen, dass man verhindert, dass sie geboren werden.“ Und wenige Seiten später empört er sich: „(…) zu erlauben, dass Aids-Kinder zur Welt kommen, ist einfach unfassbar.“ (Karl Popper (1992): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. 7. Auflage. Tübingen, S. 292 und 295.)

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