Nursing Ethics
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Pflege hat – gleich der Medizin – einen humanitären Auftrag: Sie steht im Dienst menschlichen Wohlergehens. Dies ist primär weder ein wissenschaftliches noch ein wirtschaftliches, vielmehr ein moralisches Ziel. Wer aber das Humanitätsgebot des Wohlergehens als kritisches Maß seiner Praxis zum Inhalt eines Vertrages macht, der lädt sich primär eine rechtsethische Verantwortung auf, die folgenden Fragen entspricht: Dient die jeweilige Pflegeintervention wirklich der Fürsorge und dem Wohle des Patienten? Hält die Pflege, was sie verspricht, tatsächlich ein?

Aus einer langen Tradition heraus unterscheiden wir zwischen einer Rechts- und einer Tugendmoral: Cicero (106 – 43 v.u.Z.) hatte unterschieden zwischen justitia (Gerechtigkeit) und beneficentia (Wohltätigkeit). Anselm von Canterbury (um 1033 – 1109) sprach von justitia und misericordia (Barmherzigkeit). Thomas von Aquin (1225 – 1274) benutzte für den Begriff der misericordia auch caritas (Nächstenliebe). Immanuel Kant (1724 – 1804) entwickelte systematisch eine Ethik der Rechts- und Tugendpflichten. Und die US-amerikanische Psychologin und feministische Ethikerin Carol Gilligan konzipierte 1982 mit ihrer Abhandlung „In a Different Voice“ in Auseinandersetzung mit Lawrence Kohlberg eine Theorie der zwei Moralen, der eher männlichen Moral der Gerechtigkeit und der eher weiblichen Moral der Fürsorge (Care-Ethik). Schließlich ist die zeitgenössische Ethik der Achtsamkeit (Elisabeth Conradi, 2001) eine Variante dieser feministischen Care-Ethik. Somit stellt sich jetzt die Frage, hat die professionelle Pflege als Fürsorge einen tugendethischen oder einen rechtsethischen Charakter?

Vertreter*innen der Care-Ethik ziehen das Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder auch die Mutter- bzw. Eltern-Kind-Beziehung für den tugendethischen Charakter der Fürsorge heran, um dieses Paradigma dann auch auf die Profession Pflege zu übertragen: „Die Bereitschaft, für Kinder und auch für alte Menschen zu sorgen, beruht allein auf Vertrauen. (…) Mütterliche Fürsorge und Pflege beruhen grundsätzlich nicht auf einen Vertrag.“ (Marianne Arndt (1996): Ethik denken, S. 44)

Grundsätzlich gehört die Fürsorge oder Hilfsbereitschaft zur Tugendmoral. So wird Tugendmoral auch nach Kant verstanden als eine „verdienstliche Moral“, eine Moral der freiwilligen Mehrleistung. Diese Tugendpflicht ist von außen nicht erzwingbar; sie ist eine Pflicht, die man anderen nicht schuldet. Das verdienstliche Mehr ist Privatsache. Ob ich den Opfern des Waldbrandes in Australien oder einem Bettler auf der Straße helfe, wie und mit welchem Engagement ich hier helfe, dazu kann mich niemand verpflichten, außer ich verpflichte mich selbst dazu (Verdienstlichkeit der inneren Freiheit).

Entwicklung der Pflegeethik

Die Fürsorge der Pflege ist aber ebenso wie die elterliche Fürsorge keine Privatsache, keine tugendethische Aufgabe, sondern grundsätzlich eine Aufgabe der Gerechtigkeit. Wer Kinder in die Welt setzt, der übernimmt ipso facto die Verpflichtung, für die nötige Hilfe zu sorgen. Diese Verpflichtung ist eine Rechtspflicht, eine geschuldete Pflicht. Es ist somit ein Gerechtigkeitsargument, das die Fürsorge gegen die eigenen Kinder begründet. Und zur Erbringung einer Rechtspflicht ist eine äußere Nötigung möglich. Wer ein Versprechen abgibt, der geht eine Verpflichtung im Sinne der kommunitativen Gerechtigkeit ein und kann deshalb zur Einhaltung dieses Versprechens von außen genötigt werden. Rechtsethisch ist es belanglos, ob man die Einhaltung eines Versprechens für richtig oder falsch hält, solange man dieses Recht nicht verletzt.

Und wer – wie die professionelle Pflege – die Fürsorge zum Gegenstand eines Versprechens macht, dessen Fürsorge hat eben einen rechtsethischen Charakter. Die professionelle Pflege beruht also ebenso wie die elterliche Fürsorge auf einen Vertrag, und zwar auf einen rechtsethischen Vertrag (Gerechtigkeit), was nicht ausschließt, dass in beiden Fällen die Fürsorge durch Überbietung der Rechtsmoral einen tugendethischen Charakter annehmen kann. Entscheidend ist aber, dass die Fürsorge der professionell Pflegenden eine rechtsethische Pflicht ist, unabhängig von dem Mitgefühl, das der einzelne Pflegende für den jeweiligen Patienten aufzubringen in der Lage ist. Insofern steht die Pflege primär in einer rechtsethischen Verantwortung. Wer mehr will und die Pflege als eine tugendethische Aufgabe postuliert, der will rechtsethische Fragen unangemessen moralisieren, anstatt sich mit der entmoralisierten Moral zu begnügen.

Alle Entscheidungen und Handlungen der Pflegenden sind, da sie stets Auswirkungen auf das Wohl und Wehe des einzelnen Patienten haben, von einer hohen rechtsethischen Relevanz. Sie stehen a priori im Primat der praktischen Vernunft, die fragt, ob wir das, was wir tun können, auch tun sollten bzw. ob wir das, was wir tatsächlich tun, eine rechtsethische Legitimation hat. Pflege hat somit nicht nur Probleme des Könnens, sondern darüber hinaus Probleme des Sollens zu lösen.

In diesem Sinne betont der ICN-Ethikkodex der Pflegenden unmissverständlich in seiner Präambel, dass die professionelle Pflege untrennbar mit der Achtung der Menschenrechte, einschließlich kultureller Rechte, des Rechts auf Leben und Entscheidungsfreiheit auf Würde und auf respektvolle Behandlung, verbunden ist.

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