Pflegegeschichte

Das menschliche Dasein ist Geschichte

Publiziert von Dr. Jürgen Knoppik

Geschichte hat heute einen durchaus schweren Stand. Vielen ist die Geschichte relativ gleichgültig geworden. Besonders die junge Generation fragt sich: Wozu noch Geschichte? Was soll der Nutzen von Geschichte sein? Ist Geschichte nicht hoffnungslos antiquiert? Zunächst scheinen diese Fragen berechtigt, die vor allem eine Kritik an der didaktischen Aufbereitung des Geschichtsunterrichts in den Schulen wie auch an der universitären Geschichtswissenschaft sind, die Geschichte immer noch viel zu sehr als Geschichte der Kriege und Schlachten sowie der großen Männer und Entscheidungen versteht. So spielt auch die Geschichte der Pflegeberufe sowohl in der Ausbildung wie in der Pflege selbst eine überaus geringe Rolle.

Neu sind die Fragen nach dem Nutzen der Geschichte allerdings nicht. Bereits Anfang der 70iger Jahre des 20. Jahrhunderts war der Sozialhistoriker Jürgen Kocka diesen Fragen nachgegangen. Seine Beantwortung der Fragen hat die Kritik aber offenbar bis heute nicht verstummen lassen. Vielleicht auch deshalb, weil hier Antworten auf falsch gestellte Fragen zu geben versucht wurden. Denn wenn wir alles abschaffen wollten / sollten, was von keinem erkennbaren Nutzen ist, dann wäre unsere Welt, die wir uns selber schaffen, relativ arm und einfältig. Und wer bestimmt eigentlich, was von Nutzen ist und was nicht? Welcher Nutzen ist gemeint? Werden die Religionen abgeschafft, nur weil ich sie für nutzlos halte? Wer kann denn den positiven wie negativen Nutzen der Geschichte in seiner Komplexität wirklich abwägen? Sollte hier die subjektive Meinung zum Maßstab genommen werden? Wenn wir also die Legitimation der Geschichte ausschließlich von der Beantwortung der Frage nach ihrem Nutzen abhängig machten, dann müssten wir mit Hamlet ausrufen: „Weh, dass zur Welt ich kam, sie einzurichten!“

Gewinnbringender scheint mir hier die Frage zu sein: Was ist Geschichte? Zunächst einmal ist anzumerken, dass wir es bei dem Begriff der Geschichte mit einem Doppelbegriff zu tun haben, der sowohl das Geschehen, die Gesamtheit der vergangenen Taten und Begebenheiten selbst (res gestae) als auch die davon zu unterscheidende Geschichtserzählung bzw. Geschichtsschreibung (historia rerum gestarum) meint, wie bereits G. W. F. Hegel (1770 – 1831) differenziert hatte (Die Vernunft in der Geschichte, 1830). Dabei liegt der Geschichtserzählung das vergangene Geschehen zugrunde. Nun hat aber nicht nur der Mensch Vergangenheit, sondern die übrige Natur auch. Woraus offenbar wird, dass allein die Geschichtserzählung dem Menschen eigentümlich ist. Und Geschichte im Sinne der historia rerum gestarum meint eine zu vielen Zwecken und Absichten ins Bewusstsein gebrachte Vergangenheit. Die wissenschaftliche Geschichtsschreibung ist da eine sehr späte Entwicklung.

Bereits in seinen philosophischen Essays „Zukunft braucht Herkunft“ hatte Odo Marquard (1928 – 2015) den Begriff der „Üblichkeiten“ in den Mittelpunkt seiner Überlegungen gerückt. Auf den Einwand, dass wir keine Zeit für Vergangenes haben sollten, weil das Leben so kurz ist, formulierte Marquard in einem Spiegel-Gespräch, vom September 2003, noch einmal seinen zentralen Gedanken: „Aber das uns prägende Vergangene ist doch immer schon da – Familie, Sprache, Institutionen, Religion, Staat, Feste, Geburt, Todeserwartung -, wir entkommen ihm nicht. Wo wir anfangen, ist niemals der Anfang. Vor jedem Menschen hat es schon andere Menschen gegeben, in deren Üblichkeiten – Traditionen – jeder hineingeboren ist und an die er, Ja sagend oder negierend, anknüpfen muss. Das Neue, das wir suchen, braucht das Alte, sonst können wir das Neue auch gar nicht als solches erkennen. Ohne das Alte können wir das Neue nicht ertragen, heute schon gar nicht, weil wir in einer wandlungsbeschleunigten Welt leben.“

Mit anderen Worten: Wir können uns der Vergangenheit, den Üblichkeiten und Traditionen, wir können uns der Geschichte in diesem Sinne gar nicht entziehen, weil unsere Ankunft wesentlich Herkunft, wesentlich Geschichte ist. Wir werden in die Geschichte, in die Üblichkeiten hineingeboren. Und auch das Neue entsteht nicht aus dem Nichts oder aus einer bloßen Ablehnung des Alten. Vielmehr ist das Neue ein von Erkenntnis getragenes Anknüpfen an das Alte. Insofern braucht das Neue das Alte bzw. die Zukunft die Herkunft. Schließlich stellt sich das Dasein als ein historischer Erkenntnisprozess dar.

Dass sich dieser historische Erkenntnisprozess wesentlich hermeneutisch, also im Verstehen vollzieht, war bereits vor Marquard bekannt. Während Friedrich Schleiermacher (1768 – 1834), Johann Gustav Droysen (1808-1884) und Wilhelm Dilthey (1833 – 1911) die Hermeneutik primär als Kunst, Methode bzw. Technologie der historischen Deutung eruiert hatten, gewinnt die Hermeneutik mit Martin Heidegger (1889 – 1976) eine neue Dimension, der das Verstehen nicht nur als ein Organon der Geisteswissenschaften, als eine Erkenntnisweise, sondern als eine Seinsbestimmung des Menschen postulierte: Das menschliche Dasein hat als solches den Charakter des „Verstehendseins”. Und für Hans-Georg Gadamer (1900 – 2002) war Verstehen „die Seinsweise des Daseins selber“.

Zusammenfassend lässt sich die Frage nach dem, was Geschichte ist, wie folgt definieren: Geschichte ist zu verstehen als die von Generation zu Generation gewachsenen Üblichkeiten, in die wir hineingeboren sind und den wir nicht entkommen können. Das menschliche Dasein ist somit ein geschichtliches Dasein, das sich im Verstehen vollzieht, insofern der Mensch das einzige Wesen ist, das sein eigenes geschichtliches Dasein verstehend zu reflektieren vermag.

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